Sichtbar in ChatGPT: Was von SEO übrig bleibt
Seit zwei Jahren verkaufen Agenturen GEO, AEO und KI-Sichtbarkeit. Wir haben uns angesehen, was davon belegt ist. Das Ergebnis ist ernüchternd, aber es macht die Entscheidung einfacher.
- Sprachmodelle beziehen Informationen aus drei Richtungen: Trainingsdaten, eigener Websuche und vom Nutzer angestoßenen Abrufen. Nur die zweite und dritte lassen sich überhaupt beeinflussen.
- Der Kanal ist real, aber klein. Laut einer Auswertung von SE Ranking kamen 2026 rund 0,32 Prozent des weltweiten Website-Traffics aus KI-Suchen, in der EU 0,27 Prozent.
- Die bekannte Studie hinter dem Begriff GEO belegt weit weniger, als in ihrem Namen steckt. Eine arXiv-Übersicht von 45 Arbeiten nennt die Belege für echte Auffindbarkeit sehr dünn.
- Was messbar zusammenhängt: organische Sichtbarkeit und KI-Zitierungen. SISTRIX und LEAP fanden eine Korrelation von 0,66.
- Für einen Mittelständler heißt das: saubere, indexierbare Seiten mit eigenen Fakten. Alles darüber hinaus sollten Sie sich sehr genau belegen lassen.
Woher ein Sprachmodell seine Informationen hat
Bevor man über Sichtbarkeit redet, muss man wissen, wie die Information überhaupt in die Antwort kommt. Bei ChatGPT gibt es dafür drei Wege, und sie funktionieren unterschiedlich.
- Trainingsdaten. Das Modell hat Texte aus dem Netz gelernt, bis zu einem Stichtag. Diese Daten sind eingefroren. Was Sie heute auf Ihre Website schreiben, landet dort frühestens im nächsten Trainingslauf, wenn überhaupt. Sie können das praktisch nicht steuern.
- Websuche innerhalb von ChatGPT. Das Modell ruft aktuelle Seiten ab und zeigt Quellen an. Dafür betreibt OpenAI einen eigenen Crawler namens OAI-SearchBot.
- Abruf, den der Nutzer selbst auslöst. Wenn jemand eine URL einwirft oder ein Agent eine Seite öffnet, greift der ChatGPT-User-Agent zu.
Diese Unterscheidung ist der ganze Kern des Themas. Fast alles, was als KI-Sichtbarkeit verkauft wird, kann nur auf Weg zwei wirken. Und Weg zwei wird nicht bei jeder Anfrage genutzt.
Wie groß der Kanal wirklich ist
SE Ranking hat den Traffic aus KI-Suchen ausgewertet und kommt für 2026 auf 0,32 Prozent des gesamten Website-Traffics, gegenüber 0,02 Prozent im Jahr 2024. In der EU liegt der Wert bei 0,27 Prozent. Innerhalb dieses Anteils entfällt der Löwenanteil auf ChatGPT mit rund 75 Prozent, gefolgt von Gemini mit knapp 12 Prozent, Perplexity mit gut 7 und Claude mit knapp 3 Prozent.
Zum Vergleich: Statcounter weist für Deutschland im Juli 2026 einen Google-Anteil an der Suche von 85,6 Prozent aus, Bing folgt mit 7,1 Prozent. Der Faktor zwischen klassischer Suche und KI-Verweisen ist also immer noch dreistellig. Das Wachstum ist beeindruckend, die absolute Größe ist es nicht.
Ein Punkt spricht für den Kanal: Laut derselben Auswertung bleiben Besucher aus KI-Systemen deutlich länger auf der Seite, im Schnitt 9 Minuten 19 gegenüber 5 Minuten 33 aus der organischen Google-Suche. Wer dort ankommt, hat sich meist schon entschieden, sich mit dem Thema zu befassen.
GEO, AEO, LLMO: Was hinter den Begriffen steckt
Der Begriff Generative Engine Optimization stammt aus einer Arbeit von Aggarwal und Kollegen aus dem Jahr 2024. Daraus stammt auch die Zahl, die seitdem in jeder zweiten Agenturpräsentation steht: bis zu 40 Prozent mehr Sichtbarkeit. Nur beschreibt diese Zahl etwas anderes, als die meisten annehmen.
Eine 2026 auf arXiv veröffentlichte Übersichtsarbeit hat 45 Studien aus den Jahren 2023 bis 2026 ausgewertet und den Befund auseinandergenommen. Die 40 Prozent beziehen sich auf die relative Verteilung von Sichtbarkeit zwischen fünf Dokumenten, die dem Modell bereits vorgelegt wurden. Es geht also darum, wie ein Text gegen vier andere Texte abschneidet, die alle schon im Kontext stehen. Es geht nicht darum, ob er überhaupt gefunden wird.
Was die Übersicht als schwach belegt einstuft
- Dauerhafte Verbesserung der organischen Auffindbarkeit in KI-Systemen. Die Autoren sprechen von sehr wenigen durchgängigen Tests.
- Der Zusammenhang zwischen Zitierungen und tatsächlichem Traffic oder Umsatz. Dafür gibt es nach dieser Auswertung ein einziges andeutendes Quasi-Experiment.
- Übertragbarkeit der Rezepte über Themenfelder hinweg. In den Benchmarks fallen die Ergebnisse meist neutral bis negativ aus.
- Stabilität der Messung überhaupt. Bei wiederholten identischen Anfragen überschneiden sich die genannten Quellen nur zu 34 bis 42 Prozent. Wer einmal misst, misst Rauschen.
Dazu kommt ein Detail, das die meisten Sichtbarkeitsberichte stillschweigend unterschlagen: In den ausgewerteten Tests lösten 57,8 Prozent der ChatGPT-Durchläufe überhaupt keine Websuche aus. Das Modell antwortete aus sich heraus. Kein Crawler, keine Quelle, kein Link, den man hätte optimieren können.
Was tatsächlich zusammenhängt
Es gibt einen Befund, der robust aussieht. SISTRIX und LEAP haben rund 2.500 umsatzstarke deutsche Onlineshops zwischen Juni 2025 und Juni 2026 untersucht und zwischen organischer Sichtbarkeit und KI-Zitierungen eine Korrelation von 0,66 gefunden. Die sichtbarsten 20 Prozent bekamen etwa 72 Prozent aller KI-Nennungen, die unteren 20 Prozent rund ein Prozent.
Was in den klassischen Ergebnissen nicht auftaucht, taucht auch in der KI-Antwort nicht auf. Die Reihenfolge ändert sich, die Voraussetzung nicht.
Unsere Zusammenfassung der vorliegenden Daten, Stand September 2026
Was ein Mittelständler realistisch beeinflussen kann
- 1Die Website technisch sauber halten. Indexierbar, schnell, ohne Inhalte, die erst nach einem Klick per JavaScript nachgeladen werden. Das ist Voraussetzung für klassische Suche und KI-Abruf gleichermaßen.
- 2Fakten hinschreiben, die sonst niemand hat. Gründungsjahr, Standorte, Mitarbeiterzahl, Leistungsumfang, Einzugsgebiet, Ansprechpartner, Preisrahmen. Sprachmodelle geben bevorzugt wieder, was klar und prüfbar dasteht.
- 3Eindeutige Bezeichnungen verwenden. Wenn Ihr Betrieb eine Leistung anders nennt als der Rest der Branche, wird er dazu nicht zitiert.
- 4Außerhalb der eigenen Seite auftauchen. Branchenverzeichnisse, Verbände, Presse, Kundenstimmen auf fremden Seiten, Wikipedia-relevante Quellen. Modelle ziehen nicht nur Ihre Website heran.
- 5Messen, wenn Sie messen. Also mehrfach, über mehrere Systeme, über Wochen. Ein einzelner Screenshot einer ChatGPT-Antwort ist kein Beleg.
Woran Sie unseriöse Angebote erkennen
- Garantierte Platzierungen in KI-Antworten. Niemand kann das garantieren, weil dieselbe Frage zweimal hintereinander unterschiedliche Quellen liefert.
- Eine llms.txt-Datei als zentrales Argument. Kein großer Anbieter hat bisher bestätigt, dass er sie auswertet.
- Berichte, die nur zählen, wie oft Ihr Name fällt, ohne Bezug zu Anfragen oder Umsatz.
- Die 40-Prozent-Zahl ohne Erklärung, worauf sie sich bezieht.
- Ein Paket, das exakt so heißt wie das SEO-Paket von vor drei Jahren, nur teurer.
Wir sagen das ungern, weil wir selbst Inhalte verkaufen: In den meisten Beratungsgesprächen wäre es ehrlicher, dem Betrieb von einem eigenen KI-Sichtbarkeitsbudget abzuraten und das Geld in Dinge zu stecken, deren Wirkung sich belegen lässt. Für unsere Kunden aus Industrie, Handwerk und Pflege ist das in aller Regel regionale Sichtbarkeit, ein funktionierender Bewerbungs- oder Anfrageprozess und Inhalte, die jemand tatsächlich ansieht.
Das kann sich ändern. Wenn der Anteil des KI-Traffics in Deutschland von 0,3 auf 5 Prozent steigt, reden wir neu. Stand September 2026 ist der Kanal aber ein Nebenschauplatz, auf dem auffällig viel verkauft und auffällig wenig belegt wird.
Häufige Fragen
Für die meisten Mittelständler nicht als eigenen Posten. Die Maßnahmen, die nachweislich wirken, sind dieselben, die auch für die normale Suche wirken: indexierbare Seiten, klare Fakten, Erwähnungen auf fremden Seiten. Wenn Ihnen jemand etwas darüber hinaus verkauft, lassen Sie sich die Belege zeigen.
Teilweise. In den Server-Logs tauchen die OpenAI-Agenten mit eigenen Kennungen auf, unter anderem GPTBot, OAI-SearchBot und ChatGPT-User. Daraus sehen Sie, dass abgerufen wurde. Ob und wie der Inhalt in einer Antwort landet, sehen Sie daraus nicht.
Das ist eine Abwägung, keine technische Frage. Wer Reichweite will, lässt OAI-SearchBot zu. Wer nicht will, dass eigene Texte in Trainingsdaten landen, kann GPTBot sperren. Beim nutzerinitiierten Abruf ist die Steuerung seit der Dokumentationsänderung im Dezember 2025 unsicher. Für ein normales Unternehmen mit öffentlicher Website gibt es selten einen guten Grund zu sperren.
Weil Sprachmodelle nicht deterministisch arbeiten. In den ausgewerteten Studien überschnitten sich die genannten Quellen bei wiederholten identischen Anfragen nur zu 34 bis 42 Prozent. Deshalb ist ein einzelner Test wertlos und ein Bericht, der auf einer Messung beruht, ebenfalls.
Klar strukturierte, extrahierbare Aussagen helfen erkennbar, wenn ein Dokument schon im Kontext des Modells liegt. Ob es dorthin gelangt, ist die eigentliche Hürde, und dafür gibt es kaum Belege. Schreiben Sie klar, weil es für Menschen besser ist, nicht weil ein Modell es angeblich mag.
Das kommt vor, besonders bei Zahlen und Zuständigkeiten. Der praktikabelste Weg ist, die richtige Angabe klar und an einer offensichtlichen Stelle auf der eigenen Website zu platzieren und dafür zu sorgen, dass sie auch auf gut sichtbaren Drittseiten korrekt steht. Eine Garantie, dass sich die Antwort dadurch ändert, gibt es nicht.
Lassen Sie es uns durchrechnen
30 Minuten, kostenlos. Wenn Ihnen jemand KI-Sichtbarkeit angeboten hat, schauen wir uns das Angebot gemeinsam an und sagen, was davon trägt.